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Weite Welt: Ach so, in der Schweiz gibt es Moscheen? …

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Wie die Dinge doch an Bedeutung gewinnen oder verlieren, je nachdem, von welchem Standpunkt aus man sie betrachtet. Als die Schweiz gerade wegen der überraschenden Annahme der Minarett-Initiative kopfstand, hatte Ägypten wegen eines verlorenen WM-Qualifikationsspiels und Schlägereien unter Fussball-Hooligans das einstige Bruderland Algerien zum neuen Erzfeind erkoren. Algerien hatte das Ausscheidungsspiel gewonnen. Das schmerzt. Aber rechtfertigt es die Hängung von Plakaten vor Geschäften in Kairo mit der Aufschrift: «Eintritt für Hunde, Schweine und Algerier verboten»?

Der Streit um die Mohammed-Karikaturen aus Dänemark hatte 2005 die muslimische Volksseele zum Kochen gebracht und ist noch heute nicht vergessen, wie der Attentatsversuch auf den Karikaturisten vor einigen Wochen in Kopenhagen zeigt. Als in Deutschland eine aus Ägypten stammende Muslimin von einem Rassisten in einem Gerichtssaal niedergestochen und tödlich verletzt wurde, führte dies zu wütenden Strassenprotesten in Kairo und der Beschimpfung Deutschlands als Herd von Rassisten. Und nun also dürfen in der Schweiz keine weiteren Minarette gebaut werden.

Nach der Schweizer Abstimmung waren es ausschliesslich Expats aus Europa, die mich in Kairo voller Entsetzen auf das Ergebnis ansprachen. Man zog Vergleiche zum Karikaturenstreit und malte schwarz. Die muslimische Welt würde nun möglicherweise die Schweiz boykottieren, es könnte zu Terroranschlägen gegen Schweizer Bürger und Institutionen kommen. Die Botschafter im Nahen Osten wurden in Erklärungsbereitschaft versetzt und Aussenministerin Micheline Calmy-Rey begab sich höchstpersönlich auf Goodwill-Tour.

Ein österreichischer Journalisten-Kollege in Kairo vermutete gar, wenn der Grossmufti bei der nächsten Freitagspredigt in der Azhar-Moschee das Schweizer Minarett-Verbot zur Sprache bringe, könnte es zu einem Aufruhr auf Kairos Strassen kommen. Nun wurde ich doch unruhig. Bisher bin ich bloss auf Unverständnis gestossen, wenn ich das Thema zur Sprache bringen wollte, in Syrien und Libanon gleichermassen wie in Ägypten. Insbesondere liberale Muslime, die sich an der rasch wachsenden Zahl von Moscheen und zunehmenden Verschleierung der Frauen in ihren Ländern stören, riefen empört: «Was, ihr lasst diese Betbrüder und -schwestern bei euch Moscheen und Minarette bauen? Ich würde einem Minarett-Verbot sofort zustimmen.» Das darf ich aber nicht zitieren, dachte ich gleich. Das wäre nicht nur politisch unkorrekt, sondern würde zudem der Schweizerischen Volkspartei, die die Initiative lanciert hat, in die Hände spielen.

Es wurde Freitag in Kairo. Der Grossmufti predigte an der Azhar-Moschee. In meiner Nachbarschaft warfen sich Hunderte von Männern mit ihren Gebetsteppichen auf der Strasse Richtung Mekka zu Boden, und die Frauen beteten wie üblich zuhause oder am Arbeitsplatz. Eine Stunde später musste ich zum Flughafen fahren. Unterwegs fragte ich den Taxifahrer, ob er etwas von Ausschreitungen nach dem Freitagsgebet bei der Azhar-Moschee gehört habe. Nein, sagte er verwundert, warum hätte es Probleme geben sollen, wegen der Algerier? Schon wollte er anfangen, über sie herzuziehen, als ich ihn unterbrach: «Nein, wegen der Schweiz.» Was denn dort los sei, wollte er wissen. Ich erklärte ihm die Sache mit den Minaretten, von der er noch nichts gehört hatte. Er wusste nicht einmal, dass es in der Schweiz überhaupt Moscheen gibt. Nach kurzer Überlegung sagte er: «Aber wo ist das Problem? Muslime können auch ohne Minarett beten.» Wie relativ doch vieles ist.

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Ägypten lernt die Lust am Lesen …

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Literatur wird nicht mehr nur als Tummelplatz der geistigen Elite betrachtet. Bücherlesen war in Ägypten bisher der intellektuellen Elite vorbehalten. Doch seit einiger Zeit ist Bewegung in die Literaturszene gekommen. Neue Buchhandlungen und Verlage etablieren sich, und Autoren erobern breite Leserschichten.

Susanne Schanda

"Al-Kotob Khan" (Der Büchermarkt) steht in elegant geschwungenen arabischen Buchstaben auf der Tür des Buchladens in New Maadi, einem Stadtteil ausserhalb des Zentrums von Kairo, wo vorwiegend gut Gebildete und Leute der oberen Mittelschicht leben. Neben dem Eingang steht eine Tafel mit zwei Bestsellerlisten. Den ersten Platz der arabischen Liste hält der mit dem Arabic Booker Prize ausgezeichnete Roman "Azazeel" des ägyptischen Autors Jussuf Zidan. Bei den englischsprachigen Bestsellern führt die junge Ägypterin Samar Ali mit ihrem Gedichtband "Tannoura" vor Paulo Coelho, Khaled Hosseini und Barack Obamas "Change We Can Believe In"

Literatur als Feigenblatt
Samar Ali ist 27 Jahre alt, verdient ihr Geld als Zahnärztin und schreibt Gedichte auf Englisch und Kurzgeschichten auf Arabisch. "Tannoura" erschien im kürzlich gegründeten Malamih-Verlag, der den Fokus auf junge, innovative Literatur und Comics aus Ägypten setzt und sowohl auf Englisch wie Arabisch publiziert. "Ich bin in Madrid aufgewachsen und habe mein Studium auf Englisch gemacht, war also immer zweisprachig", erklärt die Autorin im Café Boursa in Downtown Cairo. Zusammen mit anderen jungen Schreibenden und der etablierten Autorin und Uni-Professorin Sahar el-Mougy lässt sie hier nach einem Kreativschreibkurs den Tag ausklingen. Sahar el-Mougy bestätigt den Eindruck, dass die Literaturszene seit einigen Jahren neu aufblüht. Nicht unwesentlich dabei sei die relative Freiheit, die der Staat den Schreibenden lasse. Die Schriftstellerin macht sich allerdings keine Illusionen: "Die Regierung benutzt uns als Feigenblatt, um zu demonstrieren, wie liberal sie ist. Die Freiheit ist dort zu Ende, wo wir anfangen, die Regierung zu kritisieren."

Am Anfang dieses neuen ägyptischen Schreib- und Lesebooms steht der Roman "Der Jakubian-Bau" von Alaa al-Aswani. 2002 erschienen, führte er während zweier Jahre die arabischen Bestsellerlisten an. Zahlreiche Übersetzungen und die aufwendige Verfilmung 2005 mit Starbesetzung und einem Rekordbudget katapultierten den Roman auf den internationalen Markt. Erst nach diesem Erfolg konnte der Autor ein Werk publizieren, das er bereits 1990 geschrieben hatte, dessen Publikation aber damals von der staatlichen Buchorganisation verboten wurde. Der Kurzroman "Ich wollt', ich würd' Ägypter" ist kürzlich zusammen mit 13 Erzählungen des Autors auf Deutsch erschienen.

Es sei heute viel einfacher, ein Buch zu veröffentlichen, als noch vor zehn Jahren, erklärt der Autor: "In den neunziger Jahren hatten wir in Ägypten eine Lesekrise, es wurde kaum noch Belletristik gelesen. Die privaten Verlage waren entsprechend zurückhaltend mit Publizieren, so versuchte ich es über die staatliche Buchorganisation und scheiterte." Alaa al-Aswani, der trotz seinem literarischen Erfolg immer noch als Zahnarzt arbeitet und jeweils am Freitag in seiner Praxis Interviews gibt, weist auf die kürzlich eröffnete Buchhandlung auf der anderen Strassenseite. "Der Laden läuft gut. Wer hingegen in den neunziger Jahren eine Buchhandlung gründen wollte, hätte das Geld genauso gut in den Nil werfen können. Doch jetzt rentiert das Geschäft, das heisst, es gibt wieder Leser. Das gesellschaftliche Klima hat sich positiv verändert."

Al-Aswani ist längst nicht mehr der einzige Autor, dessen Bücher sich gut verkaufen. Auch die "Taxi"-Geschichten von Khaled al-Khamissi finden reissenden Absatz und wurden bereits in zahlreiche Sprachen übersetzt. Mit diesem Buch leuchtet der Autor die ägyptische Gesellschaft aus, gespiegelt in Geschichten, die Taxifahrer auf der Strasse erleben und zu hören bekommen. "Taxifahrer sind ein Barometer der Gesellschaft. Allein in Kairo sind 250 000 von ihnen unterwegs", sagt der Autor. Eine der Geschichten handelt von einer jungen Frau, die in einem ärmlichen Quartier verschleiert ins Taxi steigt und sich während der Fahrt umzieht. An ihrem Ziel, einem Viersternehotel, wo sie als Kellnerin arbeitet, verlässt sie das Taxi verwandelt - geschminkt und im Minirock. Al-Khamissis Buch überzeugt nicht durch eine bemerkenswerte Sprache oder raffinierte Konstruktion, sondern berührt durch Einfachheit und Authentizität.

Lange Zeit galt Lesen in Ägypten als eine Beschäftigung für Intellektuelle, Universitätsprofessoren und Literaturkritiker. Lesen aus Lust und Neugier war wenig verbreitet. Jetzt erreicht die Literatur Bevölkerungskreise ausserhalb der traditionellen Elite. Für den Schriftsteller und Verleger Mekkawi Said haben das Internet und die Blogger-Szene entscheidenden Einfluss auf die schnelle Verbreitung von Literatur. Sein Roman "Cairo Swan Song", der jetzt auf Englisch übersetzt wird, hat bei seinem Erscheinen 2007 bei der Literaturkritik wenig Echo ausgelöst. "Dann haben zahlreiche Blogger das Buch besprochen und weiterempfohlen. Diese intensive Promotion im Internet führte schliesslich dazu, dass das Buch letztes Jahr auf die Shortlist des Arabic Booker Prize kam. Erst danach haben die Kritiker in den Zeitungen darüber geschrieben", erzählt Said. Sein Roman hat sich bereits 50 000 Mal verkauft. Das ist viel im Vergleich zu den üblichen 3000 bis 5000 Exemplaren, die von einem arabischen Buch gedruckt werden.

Geld, Glaube, Geist
Die neue Lesekultur kann aber nicht nur auf die aktive Blogger-Szene in der arabischen Welt zurückgeführt werden. Said verweist auf die Einflüsse Saudiarabiens und der Golfstaaten, denen die Gesellschaft in den letzten Dekaden ausgesetzt war. "Einerseits brachten die vom Golf zurückkehrenden ägyptischen Arbeitskräfte die konservative wahhabitische Interpretation des Islam mit, die nicht zu unserer toleranten Gesellschaft passt. Durch den ökonomischen Boom in den Golfstaaten wurde aber gleichzeitig den Kindern und Jugendlichen eine gute Ausbildung geboten, die sie nun hier anwenden, indem sie Bücher lesen", sagt der 54-Jährige und fügt hinzu, dass die junge Generation besseren Zugang zu Information und Wissen habe und daher offener sei als die seinige, die unter der nasseristischen linken Ideologie und Engstirnigkeit gelitten habe. Mekkawi Said setzt voll auf die Literatur. Vor drei Jahren hat er seinen Brotjob als Rechnungsprüfer gekündigt und den Verlag Al-Dar gegründet. Das Geschäft laufe gut. Mit bisher 230 Titeln sei er der fünftgrösste Verlag Ägyptens.

Auch die Buchhändlerin des Ladens "Al-Kotob Khan" in Maadi, Karam Youssef, hat bereits ein erstes Buch mit Texten eines Literaturworkshops herausgegeben, die unter der Leitung des Schriftstellers Yasser Abdellatif im Café der Buchhandlung geschrieben wurden. Die vor drei Jahren eröffnete Buchhandlung ist zugleich Verlag und Kulturzentrum. Die Lage ausserhalb des Stadtzentrums sei dabei kein Problem, sagt Karam Youssef: "Leseratten jagen den Büchern überallhin nach."

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Interview mit Joumana Haddad: «Erotik ist der Puls des Lebens» …

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Die libanesische Dichterin und Journalistin Joumana Haddad bricht mit ihrem erotischen Kulturmagazin "Jasad" ("Körper") bewusst Tabus in einer Gesellschaft, die den Körper weitgehend verhüllt und verschweigt. Libanon ist das einzige arabische Land, in dem das Magazin frei verkauft werden kann. Doch selbst dort ist es umstritten. Susanne Schanda hat sich mit der Herausgeberin unterhalten.

Warum provozieren Sie die arabische Welt gerade mit dem Körper?

Joumana Haddad: Als ich zum ersten Mal ein Gedicht las, hatte ich eine Empfindung, als hätte mich jemand mit seinen Fingernägeln gekratzt. Ich war damals 12 und wusste, dass es genau dies war, was ich bei anderen bewirken will, wenn ich schreibe. Mein Körper ist das Universum, in dem sich mein poetischer Ausdruck bewegt. Schreiben ist für mich ein stark physischer Prozess. Ich sage immer, dass ich mit meinen Fingernägeln schreibe, auf meine eigene Haut, auf meinen Körper. Ich will die Oberfläche wegkratzen. Dazu benutze ich meine Nägel und meinen Körper, sie sind meine Werkzeuge. Erotik ist der Puls des Lebens und gibt mir am meisten das Gefühl, lebendig zu sein. Wobei Erotik sehr nahe bei der Todeserfahrung liegt.

Hat die Nähe von Erotik und Tod für Sie mit ihrem Leben im Libanon zu tun - einem Land, das einerseits von Krieg und Gewalt geprägt ist, anderseits äusserst vital, energetisch und kreativ?

Haddad: Als der Bürgerkrieg im Libanon begann, war ich vier Jahre alt, als er endete, 21. Die Gewalt ist bis heute präsent. Ich weiss nicht, ob es angebracht ist zu sagen, dass ich dankbar bin für all die schrecklichen Dinge, die ich erlebt und gesehen habe, aber sie haben mich zu derjenigen gemacht, die ich jetzt bin. Ich gebe nie auf. Ich versuche immer wieder etwas Neues, suche voranzuschreiten, wirklich zu leben. Und das hat mit all dem Tod zu tun, den ich gesehen und erfahren habe. Ich suche immer neue Herausforderungen, das ist wie eine Sucht.

Ihre jüngste Herausforderung ist "Jasad", das Erotikmagazin, das Sie seit Ende 2008 herausgeben. Wie ist es dazu gekommen?

Haddad: Ich hatte immer über den Körper und Erotik geschrieben und deshalb viele Probleme bekommen. Warum also nicht die Grenze weiter hinausrücken und ein Kulturmagazin über den Körper machen? Ich gründete meinen eigenen kleinen Verlag, um unabhängig zu bleiben, entwickelte das Konzept und suchte freie Mitarbeiter für die erste Ausgabe.

Wie finanzieren Sie das Magazin?

Haddad: Leider kann ich keine hohen Honorare zahlen, aber ich bezahle die freien Mitarbeiter für ihre Beiträge. Wer immer in diesem Heft schreibt, tut dies auf Arabisch und in seinem eigenen Namen. Ich habe selbst Geld hineingesteckt, die Verkäufe laufen sehr gut. Ein Exemplar kostet zehn Dollar. Ich fing mit einer Auflage von 3.000 Exemplaren an, heute sind es 6.000.

Wie wird es verteilt?

Haddad: Im Libanon kann man es überall kaufen. Es hat eine versiegelte Nylonhülle mit einem Siegel, auf dem steht "Nur für Erwachsene". In der übrigen Welt wird es mit der Post an die Abonnenten versandt. In Europa kann man es in je einer Buchhandlung in Paris und London kaufen.

Normalerweise sind Erotikmagazine Männersache. Vertreten Sie einen weiblichen oder feministischen Ansatz?

Haddad: "Jasad" ist ein Magazin über den Körper. Erotik ist selbstverständlich stark präsent. Aber es geht nicht nur um Erotisches. Es ist ein Kulturmagazin, das auch über Erotik in der Philosophie, Religion und allen ihren Repräsentationen spricht. Es ist kein "Playboy". Ich bin nicht ein Hugh Hefner (Gründer des "Playboy") der arabischen Welt. Ich bin viel gefährlicher.

Inwiefern?

Haddad: Weil ich eine Frau und eine Araberin bin und weil ich kein Magazin mache, das Männern eine Masturbationsvorlage bietet. Mein Magazin trägt zur Reflexion all der Tabus bei, die wir heute in der arabischen Welt haben – und die wir vor 1.000 Jahren nicht hatten.

Was war damals anders?

Haddad: In unserem kulturellen Erbe des 9. und 10. Jahrhunderts finden sich eine immense Freiheit des Ausdrucks und ein Ausmass an Sinnlichkeit, Erotik und Unverblümtheit, die verschwunden ist.

Warum?

Haddad: Es gibt zahlreiche Gründe. Einer ist der religiöse Extremismus. Ein weiterer ist die defensive Reaktion auf alles, was man als Invasion der westlichen Werte ansieht. Die Araber versuchen, ihre eigenen Werte zu schützen. Aber je mehr man das eigene schützt, desto introvertierter, verschlossener, engstirniger und frustrierter wird man. Das ist traurig.

Wie reagieren religiöse Autoritäten auf "Jasad"?

Haddad: Religiöse wie nicht-religiöse Autoritäten sind verärgert über das Magazin und versuchen es zu stoppen. Glücklicherweise sind zwei Schlüsselfiguren in der Regierung, der Informations- und der Innenminister - weltoffene, gescheite Intellektuelle. Sie hätten die Macht, das Magazin zu verbieten. Dagegen könnte ich überhaupt nichts tun. Doch beide haben den Druckversuchen bisher standgehalten.

Ihr Magazin lässt Frauen und Männer über ihre ersten sexuellen Erfahrungen sprechen. Ist es nicht schwierig, Personen zu finden, die dies offen tun und mit ihrem Namen unterschreiben?

Haddad: Es ist sehr anstrengend, Menschen zu überzeugen, in ihrem Namen über diese Dinge zu schreiben. Vor einem Monat erhielt ich eine wunderschöne erotische Geschichte von einer Frau über ein Paar, das sich beim Sex gegenseitig filmte. Die Autorin wollte sie aber nur unter falschem Namen publizieren. Das lehnte ich ab. Dann schrieb ich ihr alle paar Tage eine E-Mail und forderte sie auf, das Risiko einzugehen, den Mut aufzubringen für diese schöne Geschichte. Schliesslich erklärte sie sich einverstanden, dass die Geschichte unter ihrem Namen erscheint. Für mich ist das ein grosser Sieg. Ich glaube an die kleinen Schritte bei der Veränderung der Gesellschaft.

Da müssen Sie noch viele Schritte tun. Im Westen sehen wir uns heute wachsenden muslimischen Gemeinschaften gegenüber, die sich mit ihren rückwärtsgewandten religiösen Ideologien abschotten. Woher kommt diese Tendenz?

Haddad: Ich habe gerade ein Buch verfasst, das sich mit den Klischees beschäftigt, die im Westen über arabische Frauen kursieren. Die frustrierte, verhüllte, unterwürfige Frau. Die Mehrheit der arabischen Frauen ist tatsächlich so. Aber was mich wütend und traurig macht, ist, dass die Minderheit der arabischen Frauen, die nicht so ist, die es verdient, gesehen, anerkannt und diskutiert zu werden, weil sie die Hoffnung auf Veränderung verkörpert, ignoriert wird. Eine Araberin, die wie eine Westlerin daherkommt, wird gar nicht als Araberin wahrgenommen. Daher ist das traditionelle Modell das einzige, das im Westen präsent ist. Es ist wie ein Teufelskreis. Je mehr die Europäer diese defensiven radikalen Immigranten sehen, desto mehr tendieren sie dazu, gegenüber den Arabern furchtsam und feindselig zu sein. Und je feindseliger sie sich gegenüber den Arabern verhalten, desto radikaler werden diese.

Konservative Muslime hüllen bereits die Köpfe ihrer kleinen Mädchen in ein Kopftuch, um sie vor vermeintlich lüsternen männlichen Blicken zu schützen. Warum gilt der Körper als so gefährlich?

Haddad: Das war früher nicht so. Die Araber schrieben früher über Sexualität und Erotik auf spontane, natürlich Art - ohne Einschränkungen und Scham. Heute dominieren dagegen Doppelmoral und Schizophrenie. Einerseits werden Mädchen zu anständigem Verhalten angehalten, aber andererseits können bereits 13jährige Mädchen verheiratet werden. Das ist institutionalisierte Pädophilie. Es gibt sogar Gesetze, die es erlauben, ein Baby zu heiraten.

Kann ein Magazin wie "Jasad" diese Schizophrenie auflösen?

Haddad: Es kann dazu beitragen. Es ist allerdings nur ein kleiner Schritt von vielen, die noch gemacht werden müssen. Ich habe mich für das Thema des Körpers entschieden. Andere kämpfen auf anderen Gebieten. Wenn wir alle für unsere Überzeugungen einstehen, können wir etwas verändern und die Welt zu einem besseren Ort für uns alle machen.

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Beirut 2008, fünf Tage am Rand des Abgrunds …

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In Beirut sind die Kriegsruinen und zerschossenen Hausfassaden nach dem Ende des Bürgerkriegs 1990 stehen geblieben. Daneben schiessen protzige Neubauten in die Höhe, als ob nichts gewesen wäre. Gerade ist eine 18 Monate dauernde Staatskrise beendet worden. Der jüngste Kriegslärm hallt noch nach. Die alten Konflikte in der einstigen «Schweiz des Nahen Ostens» schwelen indes weiter.

Der 4. Mai in Beirut ist ein friedlicher Sonntagnachmittag, beinahe idyllisch. Zahlreiche Grossfamilien sitzen im Raouda-Café am Mittelmeer. Die Väter spielen mit ihren Kindern am Wasser, die Frauen plaudern und ziehen an ihren Wasserpfeifen. Eine von ihnen ist die Schriftstellerin Alawiyya Sobh.

Sie erzählt, dass ihr erster Roman «Maryam» gerade auf Deutsch übersetzt werde und nächstes Jahr im Suhrkamp-Verlag erscheinen soll. In mehreren arabischen Ländern sei der Roman verboten worden, weil er an die Tabuthemen Sex, Religion und Politik rühre. Sie stammt aus einer schiitischen Familie Südlibanons und ist im christlich geprägten Ostbeirut aufgewachsen. «Doch als ich dort in den Sechzigerjahren zur Schule ging, wusste ich nicht einmal, wer Christ und wer Muslim war. Das war damals überhaupt kein Thema.» Der Bürgerkrieg hat auch sie gelähmt und wirkt in ihren Romanen nach: «Meine Bücher zeigen, wie der Krieg die Menschen verändert», sagt Alawiyya Sobh, die sich ihren Lebensunterhalt als Chefredaktorin des arabischen Frauenmagazins «Snob» verdient.

«Gottesstaat ist undenkbar»
Alawiyya Sobh ist dezidiert antireligiös und liebt das Leben im Hamra-Viertel, wo Sunniten, Schiiten, Drusen und Christen nebeneinander leben, wo viele Menschen neben Arabisch auch Englisch oder Französisch sprechen. Obwohl die Hisbollah eine grosse Macht im Staat hat, glaubt Alawiyya Sobh nicht, dass aus dem Libanon jemals eine Theokratie nach iranischem Muster wird: «In diesem Land leben achtzehn verschiedene Religionsgemeinschaften, ein Gottesstaat ist undenkbar.» Eigentlich ist man geneigt, ihr recht zu geben Die frankofone Stadt Beirut, die einmal das Paris des Nahen Ostens, oder – wegen des boomenden Bankensektors – die Schweiz des Nahen Ostens genannt wurde, liebt das Leben. Theater- und Musikfestivals werden durchgeführt, Autoren lesen und debattieren über ihre Bücher, Gott und die Welt.

Ein Land in «Geiselhaft»
Am Dienstagmorgen beim Zeitunglesen wird mir klar, dass sich der Ton im verbalen Kampf der politischen Gegner des Landes verschärft. Der Drusenführer Walid Jumblat, der zusammen mit der Zukunftsbewegung des Sunniten Saad Hariri die vom Westen unterstützte Regierungsmehrheit bildet, beschuldigt die Hisbollah, mit geheimen Kameras den Flughafen zu überwachen. Gefordert wird der Rücktritt des Sicherheitschefs des Flughafens, der angeblich der Hisbollah nahestehe.

Wer die Verhältnisse in Libanon und die Rolle der Hisbollah kennt, weiss, dass die Anschuldigungen nicht aus der Luft gegriffen sind. Es braut sich etwas zusammen. Für Mittwoch haben die Gewerkschaften zu einem Generalstreik aufgerufen. Sie wollen für bessere Arbeitsbedingungen demonstrieren. Das klingt harmlos. Aber wir sind in Libanon.

Als es bereits am Morgen zu gewalttätigen Ausschreitungen kommt, sagen die Gewerkschaften die Demonstration ab. Die Hisbollah hat das Zepter übernommen. Bereits wurden von der Schiiten-Miliz mehrere Strassen gesperrt, auch diejenige zum internationalen Flughafen. Der Flugbetrieb ist eingestellt. Am Abend hat die Schriftstellerin Iman Humaydan ein paar Freunde zum Essen eingeladen: Schriftsteller, Künstler, Journalisten. Auf dem Balkon ihrer neuen Wohnung in Aschrafiye im christlichen Ostbeirut ist es auffallend ruhig. Immer wieder klingelt Imans Handy.
Es sind Freunde, die sich entschuldigen, sie könnten nicht kommen, weil die Strassen gesperrt seien, andere sagen, sie trauten sich nicht mehr aus dem Haus. «Die Hisbollah nimmt das ganze Land in Geiselhaft», sagt der Schriftsteller und Journalist Abbas Beydoun resigniert. Er hat schon vieles durchgemacht. 1982 war er für einige Wochen in israelischer Gefangenschaft, jetzt kritisiert er seit Jahren die Hisbollah – in einer Zeitung, die der Hisbollah nahesteht.

«Wir Libanesen sind Polit-Tiere»
Am folgenden Morgen besuche ich ihn auf der Redaktion von «As-Safir». Abbas Beydoun ist nervös, wird immer wieder ans Telefon gerufen. Für Nachmittag ist eine Fernsehansprache des Hisbollah-Chefs Hassan Nasrallah angesagt; das lässt nichts Gutes ahnen, doch er nimmt sich Zeit. «Das ist eine Kraftprobe, jetzt spricht die Hisbollah Klartext», sagt der Journalist. Die Hisbollah wolle nicht die Macht im Staat übernehmen, faktisch habe sie diese ohnehin.

«Die Legitimität der Hisbollah ist der Widerstand gegen Israel», sagt Beydoun, «dennoch ist sie stolz darauf, dass ihr eigener ,Staat‘, die Hisbollah-Maschine, viel schneller, mächtiger und moderner funktioniert als der offizielle libanesische Staat». Doch strebe die Schiiten-Partei durchaus nach mehr Macht und Spielraum im Staat. Mit der Sperrung des Flughafens und zahlreicher Strassen habe sie gezeigt, dass sie die Regierung am Regieren hindern kann. Trotz allen Turbulenzen, auch wenn sein Land wieder einmal am Abgrund steht, hört der Dichter und Romancier nie auf, Literatur zu lesen und zu schreiben. Seine literarischen Texte halten sich vom politischen Tagesgeschehen fern, er mache keine Propaganda-Literatur. Dennoch fliesse die Politik als Teil des Lebens auch in seine Gedichte und Romane ein, das sei unvermeidlich, sagt Beydoun: «Wir Libanesen sind Polit-Tiere.»

«Ein romantisches Projekt»
Ganz in der Nähe, ebenfalls in Westbeirut, befindet sich die Redaktion von «Al-Akhbar». Die Zeitung ist erst zwei Jahre alt und bekennt sich offen zur Hisbollah. Der Kulturchef Pierre Abi Saab präsentiert mir sein junges Team, mehr als die Hälfte sind Frauen. Es herrscht eine aussergewöhnliche Hektik. «Wir werden wohl die Redaktion aus Sicherheitsgründen evakuieren müssen», erklärt der Journalist. Die Rede von Hassan Nasrallah wird auch hier mit Spannung erwartet. Abi Saab ist Mitte 40 und eine schillernde Figur. Äusserlich könnte er als europäischer Intellektueller durchgehen. Er spricht perfekt Französisch und gut Englisch, besitzt neben dem libanesischen einen französischen Pass und hat in Paris eine Wohnung und eine Freundin. Er ist ein demokratischer und pazifistischer Atheist und zugleich ein Freund der Hisbollah, der Partei Gottes. Wie geht das zusammen? «Ich misstraue der politischen Klasse, aber die Hisbollah ist eine Widerstandsbewegung gegen Israel und für die Armen in Libanon. Die Hisbollah hat kein politisches Ziel, sie ist vielmehr ein romantisches Projekt», sagt er und kommt ins Schwärmen. Der sunnitische Mehrheitsführer und Millionär Saad Hariri dagegen sei eine saudische Marionette, der glaube, die Einigung Libanons liesse sich auf finanziellem Weg erzielen.

«Respektabler Partner»
Pierre Abi Saab ist ein Linker und würde in der kommunistischen Partei politisieren, wenn diese nicht so schwach wäre. Die einzige Alternative zum korrupten Polit-Establishment sieht er in der Hisbollah. 18 Jahre lang hat er für die von Saudi-Arabien finanzierte Zeitung «Al-Hayat» gearbeitet. Zusammen mit ihm seien vor zwei Jahren zahlreiche andere Journalisten von «Al-Hayat» und «As-Safir» zur neu gegründeten «Al-Akhbar» mitgekommen.

«Wir machen eine unabhängige Zeitung, die Widersprüche zulässt. Wir schreiben über modernste Strömungen in der Musik, im Theater, im Film und in der Literatur», sagt Saab und verweist stolz darauf, dass Libanon das einzige arabische Land sei, in dem jedes Jahr ein Gedenktag gegen die Homophobie begangen werde: «Wir schwimmen gegen den Strom.» Viele Intellektuelle würden die Hisbollah diabolisieren, beklagt er. Dies sei falsch, denn die Bewegung entwickle sich. Durch das Bündnis mit den Christen von Ex-General Michel Aoun könnte die Hisbollah den Beginn eines grossen Projektes bilden, vielleicht eine Garantie für Stabilität im Land geben.

«Die Hisbollah ist für mich ein äusserst respektabler Partner», schliesst Pierre Abi Saab sein engagiertes Bekenntnis ab. Bevor ich mich verabschiede, gibt er mir einen freundschaftlichen Rat: «Wenn Sie tatsächlich am Samstag in die Schweiz zurückreisen wollen, sollten Sie noch heute ihre Ausreise über Syrien organisieren, der Flughafen wird sicher längere Zeit geschlossen bleiben.» Es ist Donnerstagmittag, noch scheint es ruhig zu sein, noch habe ich den Ernst der Lage nicht erfasst. Das soll sich schnell ändern.

Nur noch raus hier
Wenige Stunden später wettert Hassan Nasrallah in seiner Fernsehansprache gegen die Regierung. Deren Anschuldigungen und Forderungen an die Hisbollah sei eine Kriegserklärung, die man nicht dulden werde. Kurz darauf stürmen schwer bewaffnete Hisbollah-Milizen ins Hamra-Viertel, vertreiben alles, was sich bewegt, und schiessen gegen Gebäude, Autos und die gegnerischen Milizen. Die ganze Nacht über hört der Kriegslärm nicht auf, ein Kugelhagel folgt dem anderen, dazwischen Detonationen von Granaten. Als sich auch noch ein Gewitter entlädt und den Himmel mit Blitzen hell erleuchtet, kommt Weltuntergangsstimmung auf.
Nach einer zweistündigen Feuerpause geht das Schiessen um sechs Uhr früh weiter. Ich will nur noch raus hier.Um acht Uhr finde ich ein Taxi, das mich nach Ostbeirut bringt, noch immer wird geschossen. In Aschrafiye, wo die Schüsse nur von fern zu hören sind, tigert Iman Humaydan durch ihre Wohnung, hört angespannt die Nachrichten am Radio und entwickelt am Telefon mit Freunden Theorien über die Frage, warum die Armee nicht ins Geschehen eingreife und wer mit wem paktiere.
Wie viele ihrer Schriftstellerkollegen ist auch die 52-Jährige vom Bürgerkrieg traumatisiert. Ihr Roman «B wie Bleiben wie Beirut», der letztes Jahr auf Deutsch erschienen ist, zeichnet im Mikrokosmos eines Hauses die Spuren nach, die der Krieg in den Menschen hinterlassen hat.
Das Haus steht dabei als Bild für die prekär gewordene Heimat. «Der Krieg ist gar nie zu Ende gegangen, er hat nur Pause gemacht», sagt die Autorin. Sie verzweifelt schier, als sie hört, dass die Kämpfe nun auch in den Dörfern der Schuf-Berge wüten, wo ihre drusische Familie wohnt und sie selbst an sozialen Projekten mit der Dorfbevölkerung beteiligt ist. Die studierte Soziologin hat ihre Dissertation zu den Verschwundenen des Bürgerkriegs geschrieben und wird zusammen mit dem Kulturzentrum UMAM (siehe Text unten) und weiteren Schriftstellern einen Workshop zum Thema leiten. Sie findet es verheerend, dass im Libanon die Geschichte des Bürgerkriegs nie aufgearbeitet wurde. «Denn daraus entsteht immer neue Gewalt», sagt Iman Humaydan.

«Haben Sie keine Angst»
In der Nacht hat die Hisbollah den zum Hariri-Imperium gehörenden Fernsehsender «Al-Mustaqbal» (Die Zukunft) und die gleichnamige Zeitung beschossen und vorübergehend zum Schweigen gebracht. Zwei ganze Stockwerke des Redaktionsgebäudes sind dem Anschlag zum Opfer gefallen. Das Büro des Schriftstellers und Journalisten Hassan Dawud ist von einer Granate getroffen worden und völlig ausgebrannt. Angst steigt in ihm auf und die Erinnerung an den Albtraum des Bürgerkriegs, der 15 lange Jahre dauerte und bis heute Verletzungen im Stadtbild und in den Seelen der Menschen hinterlassen hat. Da Hassan Dawud auch in Westbeirut wohnt, flieht er mit seiner Familie in die Berge. Als sich die Kämpfe dort ausbreiten, wieder zurück nach Beirut, vorerst in den Ostteil der Stadt.
«Haben Sie keine Angst», versucht er mich am Telefon zu beruhigen. Am nächsten Morgen verlasse ich Beirut mit einem Sammeltaxi und überquere die Nordgrenze zu Syrien. Inzwischen ist auch die direkte Verbindung nach Damaskus über die Ostgrenze gesperrt. Es ist Samstag, der 10. Mai.

Ein heilsamer Schock?
Elf Tage später wird die Zeltstadt, mit der die schiitische Hisbollah-Miliz anderthalb Jahre lang die Beiruter Innenstadt blockierte, abgebaut. Libanesinnen und Libanesen, denen der Schrecken über die bürgerkriegsähnliche Gewalt noch in den Knochen sitzt, strömen auf die Strassen und Plätze und nehmen ihre Stadt wieder in Besitz. «Als ob plötzlich der Friede gekommen wäre», sinniert Hassan Dawud. Er freut sich: «Die Stadt gehört wieder den Menschen und nicht mehr dem Militär.» Fast scheint es, als wirkten die bewaffneten Auseinandersetzungen, die Libanon beinahe in einen weiteren Bürgerkrieg gestürzt hätten, wie ein heilsamer Schock auf die 18 Monate dauernde Staatskrise, die das politische und gesellschaftliche Leben stark einschränkte. Von einem «historischen Abkommen» spricht der libanesische «Daily Star» am Tag nach der Einigung der gegnerischen Parteien in Doha.
Und Mehrheitsführer Saad Hariri sagt: «Heute beginnen wir ein neues Kapitel in Libanons Geschichte.» Hassan Dawud ist für den Moment erleichtert. «Doch wie lange wird diese Einigung wohl anhalten?», fragt er sich bange. Mit dem in Doha unterzeichneten Abkommen und der Wahl von General Michel Suleiman zum neuen Präsidenten ist der Autor zufrieden. Obwohl die Hisbollah alle ihre Forderungen durchsetzen konnte, sieht Hassan Dawud die Schiiten-Miliz nicht als Sieger. Die Schliessung der «Mustaqbal»-Medien habe selbst bei der Hisbollah nahestehenden Zeitungen wie «Al-Akhbar» und «As-Safir» scharfe Proteste ausgelöst und wurde zu einer nationalen Angelegenheit. «Die Hisbollah hat diesen ,Krieg‘ zwar militärisch gewonnen, doch politisch hat sie verloren. Ihren guten Ruf, den sie durch den Krieg gegen Israel im Sommer 2006 in der arabischen Welt gewonnen hat, den hat sie jetzt verspielt, indem sie Krieg gegen die libanesische Bevölkerung geführt hat.»

Der Krieg macht Pause
Iman Humaydan traut diesem Frieden nicht. Für sie beweisen die Ereignisse in diesen fünf Tagen Anfang Mai, dass sich die Unkultur der Gewalt durchgesetzt und ihrerseits eine Kultur von Angst und Schweigen erzeugt habe: «Die Begriffe Staat, Verfassung, Menschenrechte wurden ersetzt durch Widerstand, Volksgruppen, Feind. Im Bewusstsein der Libanesinnen und Libanesen gibt es den Staat nicht mehr, weder in Friedens- noch in Kriegszeiten.» Der Krieg macht Pause. Und Beirut erwacht zu neuem Leben, während die alten Konflikte weiterschwelen.

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